Was ist eigentlich Ahnenschwund?

Dieses Wort ist einer meiner Lieblingsbegriffe aus der Welt der Genealogie: Ahnenschwund! Klingt wie Vorfahren, die sich aus unerklärlichen Gründen nicht auffinden lassen. Gemeint ist aber etwas ganz anderes.

Was also ist Ahnenschwund? Um die Bedeutung zu verstehen, muss man sich zunächst in Erinnerung rufen, dass jeder Mensch ein Elternpaar hat. Entsprechend hat jeder Mensch vier Großeltern, in der Generation davor sind es acht Urgroßeltern, dann 16 Ururgroßeltern, entsprechend in der fünften Generation schon 32 Urururgroßeltern … Ich denke, das Prinzip ist klar.

Mein Stammbaum reicht derzeit zwölf Generationen zurück, so dass ich dort rein rechnerisch 4096 Personen als Vorfahren hätte. Sind es aber nicht! Denn jetzt kommt der Ahnenschwund.

Der passiert, wenn mehr oder weniger weit entfernte Verwandte heiraten und Nachkommen zeugen. Das Elternpaar hat dann je nach Verwandtschaftsgrad beispielsweise ein gemeinsames Urgroßelternpaar – und somit die gleichen Vorfahren in den weiter zurückliegenden Generationen.

In meiner Datenbank der Steins gibt es dafür gleich mehrere Beispiele. So hat mein 5xUrgroßvater Johann Conrad Stein (1750-1801) aus Gerstungen seine Cousine zweiten Grades Anna Elisabeth Stein (1753-1813) aus dem Nachbarort Herda geheiratet. Das führt nicht nur dazu, dass einige meiner Stein-Vorfahren doppelt in meinem Stammbaum erscheinen, sondern auch, dass zum Beispiel mein Großvater gleichzeitig als mein Großonkel fünften Grades ausgewiesen wird!

Auch die Eltern des Schneidmüllers Christoph Stein (1843-1920) – des Gerstunger Originals – waren Cousin und Cousine zweiten Grades. So etwas klingt zunächst nach hochpeinlicher Inzucht, doch sollte man sich einmal vor Augen führen, wie der Begriff Verwandtschaft verstanden wird. Verwandte, das sind Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins. Aber wie steht es mit der Cousine zweiten Grades, deren Großeltern vielleicht schon ins Nachbardorf gezogen waren und die nur den gleichen Nachnamen zu tragen scheint? Ist sie verwandt? Wohl bestenfalls entfernt, und am ehesten für den akribischen Genealogen.

Der Ahnenschwund tritt wohl auch selten so krass in Erscheinung wie in jenem Beispiel, das im Wikipedia-Artikel zum Thema Ahnenverlust (wie das Phänomen auch genannt wird) aufgeführt ist. Demnach hatte Karl II. von Spanien in seiner „fünften Vorfahren-Generation statt der möglichen 32 lediglich zehn verschiedene Personen.“ Sechs seiner Urgroßeltern stammten direkt von Johanna I. von Kastilien ab, genannt Johanna, die Wahnsinnige. Da macht ja schon der Name Angst vorm Ahnenschwund.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.