Deep Nostalgia – oder: Sie bewegen sich doch

Die Ahnenforschungsplattform MyHeritage hat einen gewaltigen Hype im Internet losgetreten: Mit einer neuen Funktion, Deep Nostalgia genannt, lassen sich die Köpfe auf beliebigen Fotos animieren. Das soll natürlich in erster Linie Ahnenforscher dazu bringen, die Bilder ihrer Ahnen in Bewegung zu versetzen. Weil sich aber jede Darstellung eines Gesichts für den Trick eignet, werden die sozialen Netzwerke gerade mit diversen historischen Köpfen überschwemmt, die sich plötzlich bewegen.

Selbstverständlich musste ich das neue Spielzeug – denn mehr ist es letztlich nicht – auch ausprobieren. Dazu lädt man zunächst ein Bild auf die Plattform, klickt es an und wählt dann die Funktion „Animieren“ aus. Dabei stellte ich schnell fest, dass Deep Nostalgia bei alten Fotos schnell an seine technischen Grenzen gelangen kann. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme meiner Großmutter ließ sich partout nicht animieren, da die künstliche Intelligenz auf dem Foto kein Gesicht ausmachen konnte. Immer wieder gab es diese Fehlermeldung.

Schneidmüller Georg Christoph Stein

Ähnlich erging es mir zunächst mit dem Foto eines entfernten Großonkels von mir, dem Gerstunger Schneidmüller Georg Christoph Stein (1843-1920), dem ich bereits einen Beitrag gewidmet habe. Die Fotografie, etwa 1904 entstanden, ließ sich trotz der Bild-Verbesserungsfunktion von MyHeritage zunächst nicht für Deep Nostalgia verwenden. Erst mit etwas Nachhilfe klappte es schließlich. Ich hatte dafür mit einer Fotobearbeitungs-App – Pixelmator – die Aufnahme so stark aufgehellt, dass die Augenpartie des Müllers Stein deutlich aus dem Dunkel des Schwarz-Weiß-Bildes hervortrat.

Nachdem ich das bearbeitete Bild bei MyHeritage hochgeladen hatte, war Deep Nostalgia auch endlich gewillt, seine Animationskünste auf den Kopf des Gerstunger Müllers anzuwenden. Zehn verschiedene Varianten bot das Programm an, von denen aber viele unnatürlich oder unpassend wirkten, so dass ich sie verwarf. Am besten gefiel mir eine zurückhaltende Kopfbewegung, mit der sich der Müller Stein etwas verunsichert umzusehen scheint.

Wirklich natürlich wirkt das Gesicht in der kurzen Videosequenz nicht. Die Augen des Georg Christoph Stein scheinen gelegentlich wegzukippen, an einigen Stellen zeigen sich deutliche Unschärfen, was nicht zuletzt an der schlechten Qualität des Ursprungsmaterials liegen mag. Trotzdem ist es faszinierend, dieses alte Bild in Bewegung zu sehen, mit dem Gesicht eines Menschen, der vor mehr als 100 Jahren verstorben ist.

Deep Nostalgia basiert auf einer Entwicklung der Firma D-ID, die von einer Live-Porträt-Technologie spricht. Über ein sogenanntes Treiber-Video wird das Foto gestülpt und durch künstliche Intelligenz an die Bewegungen angepasst, so dass die abgebildete Person den Kopf zu bewegen, zu lachen und zu blinzeln scheint. Eine Technologie, die zum Beispiel auch für Videoproduktionen mit Schauspielern eingesetzt werden könne, erklärt D-ID.

Weil sich die kurzen Videos nur betrachten und herunterladen lassen, wenn man sich einmal bei MyHeritage als Nutzer registriert hat, dürfte sich der Einsatz der neuen Technologie massiv gelohnt haben. Nach eigenen Angaben wurden innerhalb von 11 Tagen mehr als 26 Millionen Fotos mit Deep Nostalgia bearbeitet. Das habe gleichzeitig zu extrem vielen Neuanmeldungen und Abonnement-Abschlüssen bei MyHeritage geführt, wie es bei D-ID heißt. Und eben einem ausgewachsenen Hype im Internet.


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