Warum Minna Stein wohl keine Stein war

Eigentlich wollte ich nur schnell das Geburtsdatum von Minna Stein, verstorben am 13. Februar 1942 in den USA, im Kirchenbuch von Gerstungen nachschlagen – und plötzlich steckte ich mitten in einem Rätsel, das es nun zu lösen gilt.

Als ich Minnas Geschichte entdeckte, war ich sofort fasziniert davon, weil sie 1942 in einem Krankenhaus im US-Bundesstaat Oregon starb, wo ihre Urne noch heute aufbewahrt wird. Ihr Name wird auf einer Liste von sterblichen Überresten geführt, die bislang von keinem Angehörigen aus der Klinik abgeholt wurden. Sie warten dort eine würdige Bestattung. Mein erster Gedanke war daher, Minnas Lebensweg zu recherchieren, um ihre Urne schließlich beizusetzen. Doch bislang ließ sich die Lebensgeschichte, die über sie im Internet zu lesen ist, nicht verifizieren.

Angeblich wurde Minna 1879 als Tochter von Gottlieb Stein (1830-1909), meinem Ur-Ur-Urgroßonkel 3. Grades, und seiner Frau Mathilde geb. Pfefferkorn (1835-1914) geboren, heißt es auf der Internetseite findagrave.com. Als Beleg wird dort eine Sterbeurkunde gezeigt, die das Alter von Minna zum Zeitpunkt ihres Todes mit 63 Jahren angibt. Demnach wäre sie um das Jahr 1879 geboren worden. Doch im Kirchenbuch von Gerstungen findet sich kein passender Eintrag.

Mehrere Dokumente – darunter ihre Registrierung bei der Einwanderung in die USA im Mai 1892 und mehrere US-Volkszählungen – lassen vermuten, dass Minna zehn Jahre früher geboren worden sein muss. So wurde ihr Alter bei der Einwanderung mit 22 Jahren notiert. In der Volkszählung von 1900 ist als Geburtsjahr 1869 erwähnt und ihr Alter mit 30 Jahren. In der Volkszählung von 1910 ist sie mit 40 Jahren erwähnt. Die Volkszählung von 1940 führt sie als Patientin des „Oregon State Hospital For Insane“ auf und gibt ihr Alter mit 69 Jahren an. Alles spricht also dafür, dass Minna um das Jahr 1870 – vermutlich 1869 – geboren wurde. Einen entsprechenden Geburtseintrag gibt es jedoch in diesem Zeitraum in Gerstungen nicht.

Dass die Steins damals in Gerstungen lebten, steht jedoch außer Frage: Im Kirchenbuch sind die Geburten von neun Kindern des Ehepaars dokumentiert. Sie kamen zwischen 1861 und 1877 zur Welt. Im fraglichen Zeitraum um 1870 finden sich die Geburten von Karl Christian (*1868), Auguste Wilhelmine (*1870) und einem namenlosen, tot geborenen Sohn (1873). Auch das sogenannte Seelenregister von Gerstungen führt die Familie mit neun Kindern auf – darunter aber keine Minna.

Im Kirchenbuch findet sich zwar der Eintrag für eine Minna Stein, die 1872 zur Welt kam. Sie ist aber die Tochter einer anderen Stein-Familie in Gerstungen und stirbt nur zwei Jahre später. Ansonsten war der Name Minna so selten, dass sich im Gerstunger Kirchenbuch zwischen 1866 und 1881 nur eine weitere Person mit diesem Vornamen fand: Am 29. Juni 1869 wurde eine Minna Wassermann als uneheliche Tochter der Katharina Wassermann in Gerstungen geboren. Ein Vater ist nicht angegeben.

Sollte diese Minna später mit der Familie von Gottlieb und Mathilde Stein in die USA ausgewandert sein und sich als Tochter des Paars registrieren lassen? Bei ihrer Einreise in die USA am 25. Mai 1892 wäre sie exakt 22 Jahre alt gewesen, so wie es für Minna in der Liste der ankommenden Passagiere vermerkt worden war. Beweisen ließ sich diese Vermutung bislang nicht. Es scheint jedoch sicher, dass Minna keine Tochter des Ehepaars Stein war.

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