Der Grabstein auf dem Friedhof Wehlheiden, Abt. 5 MW 75, in Kassel ist mit seinen klaren, vertikalen Linien und rechtwinkligen Formen typisch für den sachlichen Historismus der 1920er- und 1930er-Jahre. Er erinnert an Carl Stein, verstorben im Jahr 1931, Pfarrer in Kassel – und mein Urgroßvater. Nachdem die Bepflanzung des Grabs Anfang 2026 von der Friedhofsverwaltung Kassel abgeräumt worden war, wurde das Grabmal als erhaltenswert eingestuft. Es soll laut Friedhofsverwaltung auf der Grabstätte belassen bleiben. Wer war der Mann, an den der Stein mit dem markanten Balkenkreuz erinnert?

Carl Stein kam am 28. Mai 1869 in Berka an der Werra zur Welt. Er wurde laut Kirchenbuch1Kirchenbuch Berka/Werra Taufen 1855-1877. S. 206. morgens früh um 5.30 Uhr im Haus Nr. 173 in der Lappengasse geboren. Er war das erste Kind von Johannes Stein (1845-1922) und dessen Ehefrau Martha Friederike Christiane Reichardt (1847-1917). Am 20. Juni wurde er nachmittags um 15 Uhr auf den Namen Carl Christoph getauft. Im Laufe der Zeit setzte sich die Schreibweise Karl durch, dieser Text orientiert sich jedoch am Taufnamen.
Ein Nachruf auf Carl Stein2Pfarrer Karl Stein ✝︎. Ein vorbildlicher Geistlicher und edler Mensch. o.O. Ca. 19.3.1931 berichtet, dass er seine ersten Schuljahre in Gerstungen verbracht hat. Carls Vater war Eisenbahnbeamter und wurde einige Jahre später nach Scherfede in Westfalen versetzt. Die Familie zog natürlich mit und Carl besuchte das Gymnasium im etwa zehn Kilometer entfernten Warburg. Nach dem Schulabschluss studierte er Theologie an den Universitäten Jena und Halle (Saale). Der Nachruf weiß zu berichten, dass Carl sich der „Sängerschar des Jenaer ‚Paulus'“ anschloss. Gemeint ist die Studentenverbindung Sängerschaft zu St. Pauli.
Die erste theologische Prüfung bestand Carl im September 1891. Anschließend leistete er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim 94. Infanterie-Regiment in Jena ab. Am 11. Dezember 1892 trat er sein erstes geistliches Amt als Hilfsgeistlicher in der Stadtkirche St. Peter und Paul, der sogenannten Herderkirche, in Weimar an. Im Frühjahr 1893 wurde Carl in gleicher Funktion nach Allstedt versetzt. Im Oktober des Jahres bestand er auch die zweite theologische Prüfung. Ab dem 1. Mai 1894 wirkte er dann als selbständiger Pfarrer in Allstedt.

Am 11. Februar 1895 heiratete Carl Stein in Scherfede (Nordrhein-Westfalen) die Marie Friederike Wilhelmine Blankenburg, geboren am 30. Mai 1875 in Kassel. Wie Carls Vater Johannes Stein war auch Maries Vater, Heinrich Wilhelm August Blankenburg (1852-1921), bei der Eisenbahn beschäftigt. Es dürfte also an den Berufen der Eltern gelegen haben, dass die beiden zusammenfanden.
1901 wechselte Carl Stein von Allstedt auf die Pfarrstelle im thüringischen Großneuhausen, bis er schließlich am 1. Mai 1905 eine der fünf Pfarrstellen der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Kassel übertragen bekam. Drei Jahre lang war er für den Nordbezirk der Gemeinde verantwortlich. Ab dem 1. Oktober 1908 verwaltete er den Bezirk Wehlheiden rund um die kurz zuvor eingeweihte Friedenskirche in Kassel.
Der erwähnte Nachruf berichtet auch über politisches Engagement von Carl Stein. Er kandidierte bei der Wahl am 2. März 1919 als Spitzenkandidat der Deutschen Demokratischen Partei für die Stadtverordnetenversammlung in Kassel. Er wurde gewählt, wenn auch offenbar nur für eine Wahlperiode. Darüber hinaus war Carl Mitglied der verfassungsgebenden Kirchenversammlung in Kassel, die in den Jahren 1922 und 1923 tagte und nach der Abschaffung der Monarchie durch die Novemberrevolution eine neue Verfassung für die Evangelische Landeskirche von Hessen-Kassel erarbeitete. Bis zu seinem Tode war er zudem stellvertretender Vorsitzender des Kirchenkreisvorstands und des Gesamtverbands der evangelischen Kirchengemeinden Kassels.

Über 20 Jahre wirkte Carl Stein auch als Seelsorger im Rot-Kreuz-Krankenhaus in Kassel. Anfang 1931 musste er in eben diesem Krankenhaus wegen einer bereits seit Monaten anhaltenden schweren Lungenkrankheit operiert werden. Es folgte eine zweite Operation in Hamburg-Eppendorf. Laut Berichten aus der Familie reiste Carl Stein in einem Krankenbett liegend in einem eigens für ihn eingerichteten Eisenbahnwaggon nach Hamburg. Die Operation konnte ihn jedoch nicht retten, dem Nachruf zufolge starb Carl während der Narkose.
In den Tagen nach dem Tod von Carl Stein erschienen zahlreiche Nachrufe und Todesanzeigen in den Zeitungen, die sein Leben und Wirken würdigten. Im Folgenden sind einige der Nachrufe im Wortlaut dokumentiert.
Pfarrer Karl Stein ✝︎. Ein vorbildlicher Geistlicher und edler Mensch. o.O. Ca. 19.3.1931.

Pfarrer Karl Stein ✝︎.
Ein vorbildlicher Geistlicher und edler Mensch.
Einer der bekanntesten Kanzelredner unserer Stadt, ein weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus beliebter Seelsorger, ein eifriger aber stets vornehmer Mitstreiter in allen kirchlichen und kommunalen Angelegenheiten ging von uns. Pfarrer Karl Stein ist nicht mehr. Wer sein volltönendes Organ, seine packend geformten Sätze einmal gehört hat, wird diesen Geistlichen so bald nicht vergessen.
Pfarrer Stein ist nur 61 Jahre alt geworden. Eine schwere Krankheit machte zunächst eine Operation im Roten Kreuz nötig, der sich eine zweite in Hamburg anschließen sollte. Den Strapazen dieses zweiten operativen Eingriffs war der geschwächte Körper nicht mehr gewachsen. In der Narkose ist Pfarrer Stein sanft entschlafen.
Geboren zu Berka an der Werra hat er seine ersten Schuljahre in Gerstungen verbracht. Schon damals zeigten sich an dem Knaben zwei Charaktereigenschaften, die später im Bilde des Mannes deutlich hervortraten: Die Fähigkeit zum Führertum und der Wille, für das, was er als recht erkannt hatte, entschieden einzutreten.
Der Vater Karl Steins wird nach einigen Jahren aus der Stadt seiner Voreltern als Eisenbahnbeamter nach Scherfede in Westfalen verpflanzt. So lernt sein ältester Sohn schon früh den eigentümlichen, oftmals belebenden Reiz einer Diasporagemeinde kennen. Dies mag zu seiner Berufswahl mitgewirkt haben.
Nachdem Karl Stein das Gymnasium im benachbarten Warburg absolviert hatte, studiert er Theologie auf den Universitäten Halle und Jena. Die fröhliche Sängerschar des Jenaer „Paulus“ zieht den für reine Freude und treue Freundschaft offenen Studenten in ihre Reihen. Im September 1891 besteht Karl Stein die erste theologische Prüfung. Vom Oktober 1891 ab genügt er seiner Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger beim 94. Infanterie-Regiment in Jena.
Schon bald darnach, am 11. Dezember 1892, wird er durch den damaligen Weimarer Generalsuperintendenten D. Hesse zum geistlichen Amte ordiniert und beginnt seine Tätigkeit am gleichen Tage als Kollaborator an der Stadtkirche zu Weimar auf der Kanzel Herders. In gleicher Eigenschaft wird er im Frühjahr des folgenden Jahres nach Allstedt versetzt, wo er, nachdem er im Oktober 1893 die zweite theologische Prüfung bestanden hat, vom 1. Mai 1894 an als selbständiger Pfarrer wirkt, 1901 wird er Pfarrer zu Großneuhausen.
Doch es zieht ihn in die Nähe der Heimat seiner Lebensgefährtin, deren elterliches Haus in Melsungen stand. Die Kasseler evangelisch-lutherische Gemeinde, die damals über fünf Pfarrstellen verfügte, wählt ihn zu einem ihrer Pfarrer. Am 1. Mai 1905 beginnt Karl Steins Kasseler Amtszeit. Drei Jahre verwaltet er den Nordbezirk der lutherischen Gemeinde, seit dem 1. Oktober 1908 den Bezirk Wehlheiden im Umkreis der ein Jahr zuvor eingeweihten Friedenskirche. Von Anfang an hat Pfarrer Stein in unserer Stadt als vielbeachteter Prediger und mit praktischem Blick ausgestatteter Seelsorger eine weithin spürbare Wirksamkeit entfaltet.
Vielen, namentlich auch der Jugend, ist er im Laufe der Jahre zu einem Wegführer zur höheren Welt geworden. Sein Rat fand im Vorsteheramte der lutherischen Gemeinde und darüber hinaus im kirchlichen Leben der Stadt und der Landeskirche weithin Gehör. Als Mitglied der verfassungsgebenden Kirchenversammlung hat er die neue Kirchenverfassung gestalten helfen. Bis heute war er stellvertretender Vorsitzender des Kirchenkreisvorstandes und des Gesamtverbandes der evangelischen Kirchengemeinden Kassels.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten wirkte er als Seelsorger im Roten Kreuz. Als Spitzenkandidat der Demokratischen Partei wurde er in der bewegten ersten Nachkriegszeit ins Stadtparlament gewählt, hat als Stadtverordneter stets den Blick auf das Gedeihen des Ganzen gerichtet und bis zum Ablauf seiner Wahlperiode für Wohlfahrt, Recht und Ausgleich der Interessen gewirkt.
Viel zu früh für seine Gemeinde und für Kassel ist er dahingegangen.
Theys, Karl: Pfarrer Karl Stein✝︎. Kasseler Post, 19. März 1931.

Pfarrer Karl Stein ✝︎
Pfarrer Karl Stein ist in Hamburg, wo er Heilung von seinem schweren Leiden suchte, entschlafen. Seit Anfang Dezember vorigen Jahres schwebten weiteste Kreise unserer Stadt in Sorge um sein Leben. Nun ist eingetreten, was wir fürchten mußten. Er ist nicht mehr, der unermüdliche Seelsorger, die markige Persönlichkeit, der treue Mensch mit dem weiten gütigen Herzen. Pfarrer Stein stand an weithin sichtbarer Stelle und hat ein Menschenalter fast — seit 1905 — in Kassel wirken dürfen. Sein Name hatte Gewicht im geistigen Leben der Stadt. Er hinterläßt eine Lücke, die sich nicht sobald schließen lassen wird.
Schier unerschöpflich ist seine Arbeitskraft gewesen. Ausgestattet mit einem kräftigen Körper war ihm nie eine Arbeit zuviel. Es grenzt an’s Wunderbare, was er an Amtshandlungen und in der Wort-Verkündigung geleistet hat. Aus dieser ihm von Gott gegebenen starken physischen Kraft, wuchs seine Arbeitsfreudigkeit und -frische. In einer Woche drängendster Arbeit war bei ihm keine Spur von Amtsmüdigkeit oder Nervenabspannung zu merken. Daher kam dann auch seine ruhige Gelassenheit, seine sich stets gleichbleibende Freundlichkeit, die das Arbeiten mit ihm stets so erfreulich gestaltete. Körperliche und geistige Kräfte waren bei ihm in einem schönen Gleichmaß. Er war eine harmonische Natur. Alles Extreme war ihm zuwider, alles Geschraubte, Verstiegene, Uebergeistliche hat er auch in seinem Berufe mit gesundem Instinkt abgewehrt. Aber das Schlichte, Echte, Gesunde, Wirkliche hatte an ihm einen allezeit getreuen Freund und Förderer. Auf dieser Grundlage seines Wesens baute sich seine Lebensarbeit auf.
Hier erwuchs der Mann der Praxis, als welcher sich Pfarrer Stein in hervorragender Weise betätigt hat. Sein klarer Blick sah tief in die Verhältnisse des Lebens hinein und sein klarer Verstand wußte das Rechte zu raten und auszuführen. Im Vorsteheramt der lutherischen Gemeinde und im Gemeinde-Ausschuß ebenso wie als stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes und des Gesamtverbandes der evangelischen Kirchengemeinden Kassels haben seine Ausführungen — wie oft — den springenden Punkt der Sache getroffen.
Auch seine Predigt ruhte wesentlich auf dieser Grundhaltung seines Wesens. Er ist ein überaus wirkungsvoller Prediger gewesen. Klar, schlicht und wuchtig baute er seine Predigten auf. Sie muteten manchmal an wie ein Holzschnitt der alten deutschen Meister. Keine überflüssigen Linien, kein mühsam gesuchter Schmuck der Rede, aber alles fest angefaßt und deutlich ausgeprägt. Zustatten kam ihm dabei ein wundervoll tönendes Organ, das jeder Ermüdung zu spotten schien. Martin Luther hat einmal gesagt: „Sobald ich das Wort ergreife, habe ich gewonnen.“ Man konnte das auch von Pfarrer Stein sagen: sobald er das Wort ergriff, hatte er gewonnen, hatte er gewonnen das Ohr des Zuhörers und bald auch sein Herz. Unter seiner Kanzel in der Lutherkirche und später in der Friedenskirche sammelte er immer eine große Schar von Hörern, die sich willig von seinen packenden Worten erfassen ließen. Und ebenso begehrten Ungezählte sein warmherziges Wort in der schweren Stunde, wo es an den Särgen lieber Entschlafener Abschied für immer zu nehmen galt. Wie vielen Kindern unserer Stadt hat er in der Taufe segnend die Hand aufs Haupt gelegt, wieviele Paare am Traualtare zusammengesegnet, wievielen jungen Menschenkindern bei der Konfirmation das richtunggebende, starke Gotteswort mitgegeben!
Wie der Prediger war der Seelsorger. Immer auf dem Grunde der ungeschminkten Wirklichkeit stehend, ist er den Menschen nachgegangen mit weisem Blick und großem Verstehen, mit echter Herzensgüte. Auch in seinem Verkehr mit seinen Gemeindegliedern hat er alles Geschraubte und Gekünstelte stets vermieden. Er gab sich, wie er war: schlicht und herzlich wußte er alles auf die Basis des Gesunden und Wirklichen hinzuführen. Und gerade auf diesem Wege hat er Vielen viel sein dürfen. Immer zukunftsfroh, hat er Vielen wohlgetan wie ein Trunk aus frischer Quelle. Darum wirkte er auch an Krankenbetten so belebend, weil er ein Optimist vom reinen Wasser war. So hat er reich gesegnet über zwei Jahrzehnte als Seelsorger im Roten Kreuz gewirkt, in die Krankenstuben etwas hineintragend von seiner frohen Zuversicht.
Der tiefste Grund seines Wesens ist sein Christenglaube gewesen und bei ihm wirkte sich dieser Glaube aus als das schlichte, kindliche Gefühl der Abhängigkeit von Gott. Sein Glaube war nicht gespalten durch lastende Probleme, nicht beschwert durch tastendes Suchen nach neuen Möglichkeiten. Im Entstehen und Vergehen des Lebens, in Leid und Freud, in den Kämpfen und Versuchungen des Daseins sah er als den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht das unverbrüchliche Gottesgesetz sich entfalten und erfüllen: „Was der Mensch säet, das wird er ernten“. So ruhte er sicher in seines Gottes Händen, dankbar, ihm und seinem Heiland dienen zu dürfen an den Brüdern. So war ihm sein Dasein eine einzige große Pflichterfüllung, so stand er, ein unermüdlicher Sämann, gute Samenkörner auszustreuen in den Acker der Zeit. Es war ihm helle Freude, daß Gott reiche, köstliche Saat hatte aufgehen lassen in seinem Amt und Berufe.
Aus solcher Gottverbundenheit kam dann dieser prächtige, unverwüstliche Optimismus, in welchem Pfarrer Stein lebte und atmete. Es ging immer etwas Positives, Hoffnungsvolles von ihm aus. Und hier liegen wohl auch die Wurzeln seines echt deutschen Humors, der keinem weh tat und vielen einen goldenen Schein in den grauen Alltag gewoben hat.
Nun ist dieses starke, schlichte, helle und gütige Wesen im Tode erloschen. Ein Jammer, wie dieser Mann, dem starken Eichbaume gleichend, von tückischer Krankheit zermürbt, mit 61 Jahren zerbrach.
Was er uns gewesen ist, das wird in dankbaren Herzen allezeit festgehalten werden. Er hat gesäet in Treue und Glauben, nun wird er ernten ohne Aufhören. Seine Familie, die Gattin, die Kinder müssen den hingebend treuen Vater entbehren.
An der Bahre seines Freundes Richard Weber hat Pfarrer Stein seinerzeit gesagt: „Und seine Werke folgen ihm nach. Einst gingen sie voran, da standen sie vor ihm und riefen ihn jeglichen Tag, sie standen noch fordernd an seinem Krankenbett, an seinem Sterbebett, sie kamen und riefen ihn und er wollte folgen … aber nun folgen sie ihm nach. — — Was er gewesen, was er geleistet, das wird in dieser Stunde nicht zu Staub und Asche, das bleibt unverlöschbar. Ein Werk, das aus Wahrheit und Treue geboren, das aus Pflicht und Gewissenhaftigkeit gewoben, das wird von keinem Tod zerstört. Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach“.
Mit diesem Wort hat unser Pfarrer Stein auch seine eigene Lebensarbeit gezeichnet. Mag uns trösten des Dichters Wort: „Denn er war unser, mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen“.
Pfarrer Theys.
Pfarrer Karl Stein ✝︎. o.O. 18.3.1931.

Mittwoch, 18. März
Pfarrer Karl Stein ✝︎
Eine erschütternde Trauerkunde durchlief gestern Abend die Stadt. Pfr. Karl Stein, durch sein warmes, stark wirkendes Wort in der Kirche und auf dem Friedhof und bei vielen festlichen und ernsten Anlässen in weitester Oeffentlichkeit, überall hochgeschätzt, ist im Alter von nur 61 Jahren in Hamburg in der Narkose für eine zweite Operation gestern gestorben. Seit Monaten hatte er zuerst im Roten Kreuz in Kassel schwer krank darniedergelegen und war dann in das Eppendorfer Krankenhaus nach Hamburg gebracht worden.
Im Werratale in Berka und Gerstungen hatte er seine Jugend verlebt, dann das Gymnasium in Warburg besucht, nachdem sein Vater als Eisenbahnbeamter nach Scherfede versetzt war. In Halle und Jena hat er Theologie studiert. Nachdem er seiner Militärpflicht beim Jenaer Infanterieregiment genügt hatte, wurde er Hilfsgeistlicher in der Weimarer Stadtkirchengemeinde. Nach einigen Jahren pfarramtlicher Arbeit in Allstedt [und] in Großneuhausen in Thüringen rief ihn die lutherische Gemeinde in Kassel auf eines ihrer Pfarrämter, das er am 1. Mai 1905 antrat.
Als eine Persönlichkeit von Führerkraft und scharfem Blick für die Realitäten des Lebens hat er im Kreiskirchenvorstand und im Evgl. Gesamtverband, auch in der verfassunggebenden Kirchenversammlung, für die Neuordnung des kirchlichen Lebens und für den einheitlichen Zusammenschluß der Kasseler Gemeinden sich erfolgreich eingesetzt. Seine eigene Gemeinde schätzte ihn außerordentlich hoch und bleibt ihm in dankbarer Erinnerung für immer verbunden.
Ein goldenes, tief frommes Herz schlug in dieser offenen, freimütigen, grundgütigen Persönlichkeit, deren warmes Eintreten für eine Lebensgestaltung aus dem Geist und der Tiefe des Evangeliums eine gewinnende und oft hinreißende Kraft offenbarte und vielen den Weg zu neuer Hoffnung und innerem Frieden auftat. Im ganzen Land wird für viele der edle Freund und gottinnige starke Führer zur Wahrheit für immer unvergeßlich bleiben.
B. M.
Evangelische Gemeinden in Kassel: Pfarrer Karl Stein ✝︎. o.O. Ca. 19.3.1931.

Pfarrer Karl Stein ✝︎
Wie jeder Mensch, der uns begegnet, war er Gabe an uns und Aufgabe für uns, beides aber im besonderen Sinn. Was er gab, das lebt und wird in vielen leben – nicht als beschaulicher Genuß in wehmütiger Erinnerung, sondern als kraftvoller Antrieb für eigene Lebensgestaltung. Seine Energie ging auf andere über, seine Ruhe teilte sich anderen mit, sein Glaube als Kraft und Leben aus Gott blieb nicht verborgen.
An der Vereinigung unserer evangelischen Gemeinden hatte er hervorragenden Anteil. Diesem Werk konnte und wollte er mit seinem klaren Blick in die Zusammenhänge der Dinge und Menschen und seiner Erkenntnis für die Forderungen des Tages sich nicht versagen.
Im Kirchenkreisvorstand und im Gesamtverband der evangelischen Gemeinden Kassels war sein Wort und sein Urteil von hoher Bedeutung und zwang zu ernsthafter Besinnung und weitestgehender Zustimmung. Mehr als ein Vierteljahrhundert hat er Stadt und Gemeinde gedient.
Sein Leben und sein Werk, seine Gestalt und sein Wort prägten sich uns unvergeßlich ein. Wir bleiben dankbar für das, was Gott durch ihn uns gab. So bleibt er im Segen.
Die Evangelischen Gemeinden in Kassel.
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